Eigentlich begann es schon ein paar Jahre vor dem ersten Rancid-Album. Ein paar Jungs namens Operation Ivy hatte etwa 1987 mit ihrem rauen, Ska-infizierten Punkrock beachtlichen Erfolg. Zuviel für die jungen Musiker, denn nach ungefähr zwei Jahren, einem Album und einer Handvoll weiterer Songs war 1989 schon wieder Schluss. Geblieben sind Klassiker wie The Crowd oder Knowledge und glücklicherweise auch Gitarrist Tim Armstrong und Bassist Matt Freeman, die zusammen mit Schlagzeuger Brett Reed nach kurzer Auszeit Rancid gründeten. 1993 tauchte das erste, schlicht Rancid betitelte Album auf.
Rancid (1993)

Let’s Go (1994)

Und den Einfall, ein so wunderbar naives Gitarrensolo wie in Radio neben den abermals alle Register ziehenden Matt Freeman zu stellen, muss man erstmal haben. Abermals überschreitet keiner der Songs die 3-Minuten-Marke. Kurze Songs bleiben auch auf den folgenden Alben eine Stärke der Band und verhindern vielleicht, dass ihre Platten angesichts der Menge an Songs überfüllt wirken. Gerade wenn ein paar 1:30-Brecher hintereinander kommen, nimmt Let’s Go so richtig Fahrt auf.
Den ganz großen Durchbruch hatten in diesem Jahr andere Bands. Dafür ist Let’s Go vielleicht auch zu kompromisslos. Ins Radio passt nicht mal die gleichnamige Single. Tempo rausnehmen ist hier (noch) nicht drin.
…And Out Come The Wolves (1995)

Wie zum Beweis, dass die Band aber keinesfalls allzu frühzeitig altersmilde geworden ist, bläst …Wolves dem Hörer erstmal Maxwell Murder ins Gesicht, der Bastard eines Punkrockers, inklusive dem Basssolo bis dahin. Apropos Bass: Wie viel Rock’n’Roll in Rancid steckt, zeigt fast schon idealtypisch Olympia WA.: Walking Bass, Leadmelodie auf der Gitarre und klassisches Rockriff. Bei Listed M.I.A. gibt’s sogar Handclaps. Mehr Kopfnicken geht kaum. Noch ein Schritt weiter, und die Punkpolizei hätte den Ausverkauf proklamiert. Etwas anderes musste her.
Life Won’t Wait (1998)

Auf das durchaus veritable Bloodclot folgt Hoover Street, ein Stück Musik, das nie richtig ein Song wird. Vieles klingt gezwungen, als ob die Band unbedingt in jeden Song ein bisschen Ska einbauen wollte. Beim Titeltrack nerven die Gastsänger in einem der einfallslosesten Refrains und langatmigen Bridges. Funktionieren tut nur weniges. 1998 zum Beispiel, mit seinen sinistren Gitarrenlinien und dem etwas steifen Bass, der aber jeden Fuß zum Wippen bringt. Oder Corazon De Oro, das ohne die Hammond-Orgel auch ziemlich gut auf …Wolves hätte passen können. Ganz furchtbar ist dann noch mal der Rausschmeißer.
Rancid (2000)

Aber dann drücken sie das Gaspedal richtig durch: Die nächsten acht Songs fahren alle unter zwei Minuten über die Ziellinie. Dabei sind Klassiker wie Poison, Corruption und Antennas. Die letzte Verschnaufpause ist Radio Havana. Als ob sie sagen wollten: „Guckt mal, klar können wir super Rocksongs schreiben. Aber scheiß drauf, keinen Bock heute.“ Also beginnt das irrsinnige Axiom den Endspurt, dessen Basssolo sogar Maxwell Murder in den Schatten stellt. Der Rest tut schon fast weh, ist aber wahnsinnig gut. Matt Freeman gröhlt Black Derby Jacket, Rigged On A Fix und Reconciliation, Lars Frederiksen schreit Dead Bodies und Young Al Capone und Tim Armstrong nölt sich geschafft, aber glücklich durch das finale GGF. 22 Songs, 38 Minuten, pure Energie und kein Ausfall.
Indestructible (2004)

Man kann all das auf Indestructible wieder finden: ein Gastauftritt des Transplants-Sänger, Herzschmerz in Fall Back Down, Start Now oder Tropical London und die poppige Melodie von Arrested In Shanghai.
Dass trotzdem ein homogenes Ganzes entstanden ist und keine zersplitterte Sammlung verschiedener Genres und Ideen, liegt wohl auch an der positiven, hoffnungsvollen Aufbruchsstimmung, die ständig in freundlichen Farben durchscheint.
Das vorerst letzte Kapitel und ein weiterer Schritt in Sachen neue Lässigkeit ist das neue Album Let The Dominoes Fall.
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